„Immer müssen wir zum Morgenkreis!“
Den Spagat zwischen Mitbestimmung und Sicherheit gebenden Ritualen meistern
Letzte Woche in einer Team-Sitzung haben wir über Partizipation diskutiert. Die Mitbestimmung der Kinder in Projekten oder während der Kinderkonferenz umzusetzen, fanden die Kolleginnen gar nicht schwer. Das lässt sich gut planen und bewährte Methoden können angewendet werden.
In bestimmten Alltags-Situationen aber, in denen Spannungen mit manchen Kindern aufkommen, weil den Fachkräften Rituale und strukturierende Abläufe wichtig sind, die Kinder den Sinn für sich aber nicht immer erkennen können, fällt die praktische Umsetzung schwerer.
Ein gutes Beispiel hierfür ist der Morgenkreis (wenn er denn so genannt wird). Es gibt viele gute Gründe für dieses Ritual – hier eine kleine Auswahl:
- Gemeinsamer Start in den Tag
- Überblick für alle ermöglichen: wer ist heute da, was haben wir heute vor und wie geht es uns?
- Gemeinsames Singen, Sprechen und Erzählen fördert das soziale Miteinander und viele weitere positive Entwicklungen
- Klare und nachvollziehbare Struktur für einen langen Kita-Tag
Aber es gibt eben immer auch Kinder, die gerade heute oder vielleicht auch fast nie Lust auf den Morgenkreis haben. Dann stellt sich die Frage: „Wie gestalten wir Beteiligung ohne Zwang und ohne Ausgrenzung?“
Die Vorstellung von manchen Fachkräften, dass alle Kinder am Morgenkreis teilnehmen sollen oder gar müssen kann schnell zu Druck und damit auch kritischen Situationen führen. Ein Kind, dass gerade nicht still sitzen kann, wird meistens den Morgenkreis stören, da es immer wieder ermahnt werden muss. Das stört die Kinder, die sich gerne auf die gemeinsame Situation einlassen möchten und die Fachkräfte, die sich nicht auf das Thema und die Gespräche konzentrieren können.
Ich empfahl dem Team, dass ich letzte Woche besucht habe, den Morgenkreis als ein (möglichst) attraktives Angebot beizubehalten, aber alternative Möglichkeiten für Kinder zuzulassen, die nicht teilnehmen möchten. Das könnten z.B. sein
- das Kinder, die gerade einer Beschäftigung nachgehen, diese einfach weiterführen dürfen ohne die anderen zu stören
- eine Kollegin mit einer kleinen Gruppe, die nicht teilnehmen möchte, ein Bilderbuch betrachtet oder ein ruhiges Tischspiel anbietet
Wenn die Kolleginnen diese Möglichkeit generell anbieten, wird sie eine Ablehnung der Teilnahme eher nicht verunsichern. Und sie nehmen Kinder in ihrem Recht darauf, gehört zu werden und altersangemessen beteiligt zu werden, ernst.
Mit Blick auf die Konzeption kann das heißen: Die Teilnahme am Morgenkreis ist freiwillig. Im gleichwürdigen Dialog [1] geht es dann darum, die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder, aber auch die der Erwachsenen, zu benennen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ist die Teilnahme am Morgenkreis wichtig, weil es Informationen gibt, die für alle Kinder relevant sind? Ist der Morgenkreis die einzige Gelegenheit, diese Information zu geben? Darf Angefangenes liegen bleiben oder die Verkleidung auch im Morgenkreis getragen werden? Auf der Basis einer gleichwürdigen Beziehung sind viele Lösungen denkbar.
Literaturverzeichnis
- Vgl. Juul, Jesper: Aus Erziehung wird Beziehung. Authentische Eltern – kompetente Kinder. Freiburg im Breisgau: Herder.